FORUM LEBEN diskutierte über assistierten Suizid

Der Bundestag will eine »Orientierungsdebatte« führen – getrieben von der öffentlichen Diskussion. Nur eins ist klar: Der Aufklärungsbedarf über die Möglichkeiten der Palliativversorgung ist immens.


Vor wenigen Tagen hat sich Brittany Maynard das Leben genommen. Ihr Leben von der Krebsdiagnose bis zu ihrem von eigener Hand herbeigeführten Tod zelebrierte sie öffentlich im Internet. Dadurch wurde sie, wie der Journalist Alexander Kissler auf der Veranstaltung »Forum Leben« der Initiative Entscheidung fürs Leben nüchtern feststellte, zu einer modernen Heldin. Zumindest in der Presse, die sich fast durchweg anerkennend äußerte, erschien ihr Tod als eine heldenhafte Entscheidung im Kampf um das gute Leben.Die Veranstaltung in Berlin, die von Hedwig von Beverfoerde organisiert worden war, war ein Höhepunkt in der Diskussion über die gegenwärtige Frage, ob und wie der Gesetzgeber bestimmte Formen des assistierten Suizids regeln sollte. Und die Teilnehmer sparten auch Grundsätzliches nicht aus: zum Beispiel die Frage, um was es in der Debatte wirklich geht. Selbstmord? Suizid? Freitod? Aktive oder passive Sterbehilfe? Tötung auf Verlangen? Assistierter Suizid? Bereits die Verwendung von Begriffen enthält eine Wertung.

Der Inhalt der Debatte bleibt unklar

Der Publizist und Verleger Andreas Lombard lehnte nicht nur die Verwendung des Begriffs Sterbehilfe kategorisch ab, sondern dementierte darüber hinaus einen Zusammenhang zwischen assistiertem Suizid und Selbstbestimmung, auch wenn er immer wieder in der öffentlichen Debatte hergestellt wird. Sobald jemand einem anderen dabei hilft zu sterben, entstehe eine Dynamik, die den Tod fremdbestimmt mache, erklärte er. Lediglich in seltenen Fällen wie dem des ehemaligen MDR-Intendanten Udo Reiter – der sich vermutlich eigenhändig erschossen hat – könne von Selbstbestimmung durch Selbstmord gesprochen werden.

Lombard wies auch darauf hin, dass die Berichterstattung über Suizid-Fälle, aber auch Debatten wie das »Forum Leben«, Teil des Problems seien: Damit sei erfahrungsgemäß bereits eine Vorentscheidung gefallen; ein Phänomen werde eben dadurch, dass man öffentlich darüber diskutiere, gleichsam nobilitiert, das heißt in den Bereich der diskutablen Normalität gezogen. Damit entstehe eine Dynamik, die kaum mehr zu stoppen sei. Der Suizid sei ein soziales Phänomen, und durch öffentliche Debatten verbunden mit subtilem Druck durch Wissen um ökonomische Zwänge in der Pflege würde Depressiven die »Option«, aus dem Leben zu scheiden, geradezu nahegelegt.

Es ist genau dieser öffentliche Druck, der den Bundestag dazu veranlasst hat, demnächst eine »Orientierungsdebatte« zu führen, auf der zunächst einmal nichts beschlossen werden soll. Die Bundestagsabgeordnete Maria Michalk (CDU) meinte, dass sich die Abgeordneten der öffentlichen Diskussion stellen müssten. Dass die – wie im vorliegenden Fall – nur um winzigkleine Fallzahlen kreist – die Zahl der Patienten, die unter unerträglichen Schmerzen oder noch viel gravierender unter Atemnot leiden, bewegt sich zumindest bei palliativmedizinischer Betreuung im Promillebereich –, spiele dabei keine Rolle. Sie wies außerdem darauf hin, dass sich die Abgeordneten auch noch gar nicht im Klaren darüber seien, ob es überhaupt gesetzgeberischen Regelungsbedarf gebe. Für Nina Scheer (SPD) ist diese Frage hingegen schon geklärt: Sie sieht den öffentlichen Schrei nach Autonomie auch beim Sterben als Ausdruck großer Unsicherheit an. Vor allem für Ärzte, an die die Erwartung herangetragen wird, Suizidhelfer zu werden, brauche man hier Rechtssicherheit.

Was sollen Ärzte tun?

Der anwesende Arzt, der Palliativmediziner Ingmar Hornke, wollte hier allerdings nicht vorbehaltlos zustimmen, obwohl auch er einmal mit einem Patienten – gesetzeswidrig – näher über dessen Wunsch nach Beihilfe zum Suizid gesprochen habe. Er berichtete, dass von den rund 5.000 von ihm bislang behandelten Patienten eigentlich alle immer wieder einmal den Wunsch äußerten, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Doch immer schwankten sie zwischen dem Willen zu leben und Todeswunsch und waren am Ende froh, dass ihr Wunsch nicht erfüllt wurde. Von einer gesetzlichen Regelung zeigte Hornke sich nicht überzeugt; von ihr sei allenfalls eine »Verschlimmbesserung« zu erwarten.

Bei der Frage nach der Rolle des Arztes stellte sich heraus, dass sogar unter den Diskutanten große Unsicherheit herrscht über durchaus zentrale Rechtsfragen. Zum Beispiel konnten sie sich nicht darauf verständigen, welche Rolle die Musterstandesordnung der Bundesärztekammer spielt – es sind nämlich die Landesärztekammern, die sich mit ihren Berufsordnungen daran orientieren oder auch nicht. Und da haben sich Bayern und Baden-Württemberg – gegen das Muster der Bundesärztekammer – von einem ausdrücklichen Verbot der ärztlichen Beihilfe zum Suizid abgewandt. Auch über das Verhältnis zwischen Strafrecht, Zivilrecht und Standesrecht bedarf es augenscheinlich weiterer Verständigung. Scheer plädierte etwa für die Vereinheitlichung des Standesrechts der Ärzte, ein Vorgang, auf den der Bundestag mit einem Rahmengesetz Einfluss nehmen könne.

Die Diskussion ist dem Gesetz voraus

Doch die rechtlichen Fragen sind fast schon sekundär, weil – hier waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig – die soziale Wirklichkeit ihnen meilenweit voraus ist. Der Fall Brittany Maynard war nur der jüngste, aber keinesfalls der letzte Fall, der die Akzeptanz des Tötens im Namen von Autonomie und Selbstbestimmung verstärkt. Erst kürzlich wurde in Berlin und Frankfurt am Main mit einer Plakataktion für »das Recht auf letzte Hilfe« geworben. Umfragen zeigen, dass die Bevölkerung mehrheitlich wünscht, dass Ärzte Lebensmüden fachkundig beim Suizid helfen können sollen. In den Niederlanden und Belgien ist man schon weiter: Hier werden sogar schon Minderjährige getötet beziehungsweise es wird ihnen assistiert, wenn sie Hand an sich legen. Hornke sieht die westlichen Gesellschaften in einer Art »Clash of cultures«, in dem das Ideal der Heiligkeit des Lebens auf das von Autonomie und Selbstbestimmung stößt.

Letzteres wird nach Hornkes Ansicht im Moment überhöht, und Angelika Behm vom Hospiz Berlin-Wannsee wies darauf hin, dass auch Sterbende den Wunsch nach Autonomie haben – und sie sie durchaus nicht verlieren, nur weil sie zunehmend auf Hilfe angewiesen sind. Denn Autonomie drücke sich auch im Kleinen aus. Im Verlauf der Leidensgeschichte würden viele Kranke auch lernen, Hilfe anzunehmen, und wenn sie die Erfahrung machten, dass ihre Würde trotz Hilflosigkeit gewahrt bleibe, falle ihnen das auch leichter, berichtete sie. Es ist die Perspektive, die den Unterschied macht, ergänzte Lombard: Die Diskussion über Suizidbeihilfe werde in der Regel von Gesunden geführt, die sich anmaßten zu wissen, was Kranke wollen.

Die längste Zeit der Geschichte wünschten die Menschen, nicht unvorbereitet zu sterben. Das Leben diente auch der Vorbereitung auf den Tod. Heute sieht man alles ganz anders – zum Teil, weil der Tod inzwischen außerhalb des Erfahrungshorizonts moderner Menschen liegt, zum Teil aus Unkenntnis über die Möglichkeiten der Palliativmedizin. Man hat zuweilen den Eindruck, moderne Menschen wünschten sich ein Leben wie in einem Werbespot: das Leiden ist auf ein Minimum beschränkt, alle Konflikte sind beseitigt. Aus diesem Geist heraus erwächst die Forderung nach »Autonomie« bis in den Tod, die durch die Berichterstattung über die Fälle Brittany Maynard oder Udo Reiter verstärkt wird. Diesem Selbstbetrug entgegenzuwirken, war die Veranstaltung hervorragend geeignet.

 

Zuerst erschienen auf FreieWelt.net

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