Es darf nicht sein, dass Menschen, die sich alleine gelassen fühlen, den Ausweg über die ärztliche Hilfe beim Suizid suchen

Dr. med. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach / Foto: Vera Friederich

Dr. med. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach / Foto: Vera Friederich

Weshalb die palliativmedizinische Versorgung Sterbender der einzig richtige Weg ist, der aktive Sterbehilfe und gesetzliche Sonderregelungen völlig überflüssig macht, erklärt der Präsident der Landesärztekammer Hessen, Dr. med. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach.

EfL: In der Diskussion um die Mitwirkung am Suizid ist immer wieder der Ruf nach einer ärztlichen Suizidmitwirkung zu hören. Was halten Sie von diesem Ruf?

Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach: Die Landesärztekammer Hessen lehnt ärztliche Beihilfe zum Selbstmord entschieden ab. Aufgabe des Arztes ist es nicht, Menschen das Leben zu nehmen, sondern die Angst vor Schmerzen und den Schwierigkeiten der letzten Lebensphase. Da, wo Heilen nicht möglich ist, geht es darum, Leiden zu lindern und zu trösten. Deshalb müssen die palliativmedizinischen Angebote hessenweit weiter ausgebaut und verbessert werden. Die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich unheilbar Kranke bis zuletzt aufgehoben und wertgeschätzt fühlen können, ist dabei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die palliativmedizinische Versorgung Sterbender ist der einzig richtige Weg, der aktive Sterbehilfe und gesetzliche Sonderregelungen völlig überflüssig macht.

EfL: Welche Erwartungen sind mit dem Wunsch nach ärztlich assistiertem Suizid verbunden?

Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach: Befürworter einer ärztlichen Sterbehilfe argumentieren, dass die Beratung über Sterbehilfe viele Menschen von ihrem Todeswunsch abbringe. Eine „Legalisierung“ ärztlicher Sterbehilfe, um dann in der Beratung Wege zur Lebenshilfe aufzeigen zu können, ist jedoch der falsche Weg.

EfL: Welche Möglichkeiten bietet die Palliativmedizin Sterbenden?

Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach: Die Palliativmedizin bietet heute ein breites Therapiespektrum, um eine weitestgehende Symptomlinderung zu erreichen.

EfL: Eines der Positionspapiere möchte Ärzten die Möglichkeit geben, ohne Angst vor berufs- oder strafrechtlichen Konsequenzen alle erforderlichen Medikamente einzusetzen. Dazu sollen entsprechende Voraussetzungen im Arznei- und Betäubungsmittelgesetz geschaffen werden, insbesondere auch für die Anwendung unter Überschreitung der Zulassungsgebiete und die Anwendung nicht zugelassener Mittel. Ist das notwendig?

Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach: Ich sehe keine Notwendigkeit über die bisher schon bestehenden Möglichkeiten einer guten Palliativmedizin hinaus.

EfL: Wäre es unter Umständen zielführender, das Zulassungsverfahren für Medikamente zu ändern?

Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach: Bei richtiger Anwendung sind die jetzigen Regelungen ausreichend.

EfL: Schon heute werden 90% der Kinder mit Trisomie 21 abgetrieben, die meisten Behinderungen entstehen jedoch im Lauf des Lebens. Wie sehen Sie die Gefahr, dass am anderen Ende des Lebens eine ähnliche Entwicklung entsteht?

Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach: Aus den Niederlanden, wo die Zulassung aktiver Sterbehilfe inzwischen – unter bestimmten Voraussetzungen – auch auf Säuglinge und Menschen mit weniger schweren Krankheiten ausgeweitet wurde, wurde bekannt, dass sich unter den Sterbewilligen überproportional viele alleinstehende alte Frauen finden. Wird – wie befürchtet – aus dem Recht auf Suizid die Pflicht zum Suizid? Der Philosoph Robert Spaemann warnte schon vor fast 20 Jahren vor den Gefahren eines Dammbruchs. Denn wer als Alter, Kranker oder Pflegebedürftiger die Möglichkeit zur Selbsttötung habe und dies nicht tue, der bürde anderen daraus resultierende Lasten auf. So mancher könnte sich dann fragen, ob er unter solchen Umständen weiterleben darf. Es droht die Gefahr, dass aus dem Recht zum Selbstmord unvermeidlich eine Pflicht wird.

EfL: Welche Auswirkungen auf unsere Gesellschaft befürchten Sie, sollte der assistierte Suizid straffrei bleiben?

Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach: Es darf nicht sein, dass Menschen, die sich alleine gelassen fühlen, den Ausweg über die ärztliche Hilfe beim Suizid suchen. Ärztinnen und Ärzte dürfen sich nicht für Defizite unserer Gesellschaft hergeben. Solidarität brauchen die Schwächsten am nötigsten.

EfL: Was erhoffen Sie sich von der politischen Debatte im Bundestag?

Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach: Wichtig ist, die Möglichkeiten der Palliativmedizin der Medizin noch mehr als bisher bekannt zu machen. Die Landesärztekammer Hessen hat in den vergangenen Jahren mit umfangreichen Fort- und Weiterbildungsangeboten schon viel getan; wir müssen das Angebotsspektrum dennoch immer weiter ausbauen. Für Ärztinnen und Ärzte ist es dringend erforderlich, sich im Bereich Palliativmedizin kontinuierlich fortzubilden. Auch können sie sicher sein, dass sie im Einvernehmen mit den Patienten durch Ausschöpfen palliativmedizinischer Methoden ihre ärztliche Aufgabe erfüllen und sich nicht in juristische Grauzonen begeben oder gar haftbar machen.

EfL: Vielen Dank für das Interview!

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2 thoughts on “Es darf nicht sein, dass Menschen, die sich alleine gelassen fühlen, den Ausweg über die ärztliche Hilfe beim Suizid suchen

  1. Sollte die Besorgung sowie das Darreichen des „Giftbechers“ nicht mehr strafbar sein, dann wird keiner von uns sicher sein können, dass er nicht eines Tages um den Gifttrank bitten wird, wenn er auf fremde Hilfe angewiesen ist und er dann von „lieben, fürsorglichen“ Mitmenschen dazu gedrängt wird, wenn z. B. diese wissen, dass eine Erbschaft in Aussicht steht. Sollten uns dann unsere Nächsten eindringlich verständlich machen, dass wir ihnen zur Last fallen und dass es ein Akt der Nächstenliebe wäre, wenn wir freiwillig auf sanfte Weise aus dem Leben scheiden würden mit der Bitte, dass wir nicht egoistisch sein sollen, dann könnten sogar hartgesottene Menschen ihre Entscheidung ändern und um das Gift bitten. Nur Menschen mit einem starken Glauben an Gott wären dann in der Lage, dem Drängen der Angehörigen zu widerstehen. Die meisten Menschen, die sagen, sie wollen sterben, wollen in Wirklichkeit leben. Viele Menschen, die versucht haben, sich das Leben zu nehmen, und die in letzter Minute gerettet worden sind, sind hinterher überglücklich, dass sie doch nicht gestorben sind. Wilhelm Dresbach

  2. Ich bin in dieser Frage gespalten: Einerseits begrüße ich klare Positionen, wie die von Herrn Dr. v. Knobloch, andererseits will ich für mich die Entscheidungsfreiheit zur Selbsttötung im Falle beispielsweise der Alzheimererkrankung behalten! Ohne ärztliche Hilfe ist eine solche vermutlich nicht möglich. – Also Medizin oder Waffe? Unterscheidet das Gesetz diese Ausgangslage?

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