Beschleunigung des Sterbens nicht menschenwürdig

Foto: Uwe Schummer, MdB

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Uwe Schummer, CDU-Abgeordneter aus dem nordrhein-westfälischen Viersen, hat den Gesetzentwurf von Prof. Dr. Patrick Sensburg und Thomas Dörflinger unterzeichnet. Er setzt sich für ein vollständiges Verbot der Suizidmitwirkung ein, weil er davon überzeugt ist, dass jede gesellschaftliche Norm, die Töten auf Verlangen legitimiert, dazu führt, dass sich die Würde des Menschen relativiert.

EfL: Herr Schummer, Sie haben den Gesetzentwurf von Patrick Sensburg und Thomas Dörflinger unterzeichnet, der sich für ein ausnahmsloses Verbot der Suizidmitwirkung ausspricht. Weshalb haben Sie diese Entscheidung getroffen?

Uwe Schummer: Das Recht auf Leben soll nicht durch ein Mitwirkungsrecht beim Töten gefährdet werden. Jede gesellschaftliche Norm, die Töten auf Verlangen legitimiert, führt dazu, dass sich die Würde des Menschen relativiert. Auch in der letzten Phase des Lebens und bei Schmerzen hat jeder Mensch eine Würde, die wir schützen wollen. Die Beschleunigung des Sterbens ist für mich keine menschenwürdige Antwort.

EfL: Der ehemalige MDR-Intendant Udo Reiter gibt als Grund für seinen Suizid an, er „möchte nicht als Pflegefall enden, der von anderen gewaschen und abgeputzt wird“, zudem beobachte er „ein Nachlassen meiner geistigen Fähigkeiten, das wohl kürzer oder später in einer Demenz enden wird“. Haben Sie eine Erklärung dafür, dass Menschen sich selbst töten, obwohl sie unter keiner todbringenden oder Leiden drohenden Krankheit leiden? Und warum niemand öffentlich darüber diskutiert?

Uwe Schummer: In einer Gesellschaft, in der wir alle funktionieren müssen und nur der Starke etwas zählt, wird das schwache und das hilfsbedürftige Leben unter die Räder kommen. Was den Menschen auszeichnen sollte, ist eine Kultur der Hilfe, des Füreinanders und des Miteinanders; auch wenn der einzelne Mensch schwach ist. Wir haben das Sterben aus dem Leben verbannt. Anonymität führt dazu, dass die Angst vor einer technisierten Medizin zunimmt und Sterben in einer vertrauten Umgebung mit vertrauten Menschen kaum noch erlebt wird. Diesen Prozess wollen wir ändern, indem wir schmerzmindernde Mittel wie die Palliativmedizin und die Hospizbewegung stärken.

EfL: Aber ist der Wunsch des Einzelnen nicht mehr als verständlich, bei dieser wichtigen Frage selbst eine freie Entscheidung zu treffen?

Uwe Schummer: Der Wunsch des Einzelnen sein Leben zu beenden, ist Ausdruck einer schweren Depression, einer vermeintlich ausweglosen Situation oder auch ein Hilferuf aufgrund mangelnder Zuwendung. Hilfen anzubieten ist die für mich richtige Entscheidung. Einen gesellschaftlich geregelten Rechtsanspruch auf Unterstützung bei der Selbsttötung ist falsch, selbst wenn der Einzelne diesen Wunsch äußert. Es geht dann nicht nur um ihn allein, sondern um eine gesellschaftliche Leistung des Tötens, die legitimiert würde.

EfL: Schon heute werden 90% der Kinder mit Trisomie 21 abgetrieben, die meisten Behinderungen entstehen jedoch im Lauf des Lebens. Wie sehen Sie die Gefahr, dass am anderen Ende des Lebens eine ähnliche Entwicklung entsteht?

Uwe Schummer: Dieses Beispiel zeigt, dass Rechtsetzung die gesellschaftliche Wirklichkeit stark beeinflusst. Mir sind Eltern bekannt, die immer wieder erklären müssen, weshalb sie ihr Kind mit Trisomie 21 nicht abgetrieben haben. Es sei nach der pränatalen Diagnostik bekannt gewesen und sie hätten diese Entscheidung treffen können. Einem solchen Erklärungsdruck möchte ich zukünftig Menschen nicht aussetzen, die im Laufe ihres Lebens eine schwere Behinderung auf sich nehmen und damit leben wollen.

EfL: Was erhoffen Sie sich von der politischen Debatte im Bundestag?

Uwe Schummer: Vor allem erhoffe ich mir eine Bewusstseinsschärfung, dass unser Sterben auch zum Leben gehört. Wir sollten uns für Palliativmedizin und Hospize einsetzen. Meine Erfahrung ist, dass erlebte Sterbebegleitung auch für die Angehörigen eine wichtige Erfahrung ist. Sie sollte nicht in die Anonymität der Apparatemedizin verbannt werden.

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