Wert einer Gesellschaft bemisst sich an ihrem Umgang mit Schwachen

Foto: Marlene Mortler, MdB CSU / www.marlenemortler.de

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„Ich will einen wirksamen Schutz des menschlichen Lebens, ein Leben in Würde von seinem Anfang bis zu seinem natürlichen Ende.“ Deshalb unterstützt Marlene Mortler, MdB CSU und Drogenbeauftragte der Bundesregierung, den Antrag von Sensburg/Dörflinger.

EfL: Frau Mortler, Sie haben den Gesetzentwurf von Patrick Sensburg und Thomas Dörflinger unterzeichnet, der sich für ein ausnahmsloses Verbot der Suizidmitwirkung auch für Ärzte und Angehörige ausspricht. Weshalb haben Sie diese Entscheidung getroffen?

Marlene Mortler: Ich will einen wirksamen Schutz des menschlichen Lebens, ein Leben in Würde von seinem Anfang bis zu seinem natürlichen Ende. Der Antrag von Sensburg/Dörflinger ist aus meiner Sicht der richtige Ansatz: Er sieht ein klares Verbot der Anstiftung und Beihilfe an einer Selbsttötung vor. Die bisherigen Regelungen der so genannten passiven Sterbehilfe, also etwa das Abstellen lebenserhaltender Maßnahmen, sollen in Kraft bleiben. Erlaubt bleibt, eine Behandlung zu beenden, die medizinisch nicht mehr angezeigt oder vom Patienten nicht mehr gewünscht ist. Das ist mir wichtig. Zugleich fordert der Antrag den besseren Ausbau der Palliativmedizin. Dieser ist meiner Ansicht nach zwingend nötig. Auch die Hospizversorgung in Deutschland muss weiter gestärkt und verbessert werden. Wir wollen nicht durch die Hand, sondern an der Hand eines anderen Menschen sterben. Grundsätzlich ist nach dem Willen des Antrags Suizidassistenz verboten und nur in extremen Ausnahmefällen (bei denen z.B. keine Schmerztherapie hilft und großes Leiden besteht), wird sie mangels Schuld nicht bestraft.

EfL: Welche Auswirkungen auf unsere Gesellschaft befürchten Sie, sollte die assistierte Selbsttötung – in Teilen – straffrei bleiben?

Marlene Mortler: Der Wert einer Gesellschaft bemisst sich mit daran, wie sie mit Schwachen umgeht. Wer entscheidet, ob das Leben eines Menschen noch lebenswert ist? Zurecht stellt der Antrag in seiner Begründung fest: Schon die Diskussion verletzt schwache, behinderte, kranke und alte Menschen und steigert ihr Empfinden, anderen zur Last zu sein, in entmutigender Weise.

Der Spiegel zitierte am 11. August 2015 aus aktuellen Studien zu Erfahrungen mit der seit 2002 legalen aktiven Sterbehilfe in Belgien und den Niederlanden. Die Forscher kamen demnach zu ambivalenten Ergebnissen: Manche Befürchtungen wurden bestätigt, andere entkräftet. So wurde es in Belgien messbar üblicher, um Euthanasie zu bitten und erheblich wahrscheinlicher, dass diesem Wunsch stattgegeben wurde. Besonders stark stieg die Nachfrage bei Bewohnern in Altenheimen. Gerade in einer alternden Gesellschaft braucht es meiner Ansicht nach gesamtgesellschaftliche Solidarität mit schwerstkranken, sterbenden Menschen. Das ist eine große Gemeinschaftsaufgabe für Bürger und Staat. Der Schutz der Schwachen darf nicht ins Gegenteil verkehrt werden.

EfL: Die öffentliche Diskussion wird vor allem vom individuellen Anspruch der Menschen auf Autonomie und Selbstbestimmung geprägt. Wie sehen Sie das?

Marlene Mortler: Mir ist wichtig klar zu stellen, dass es erlaubt bleiben soll, eine Behandlung zu beenden, die medizinisch nicht mehr angezeigt oder vom Patienten nicht mehr gewünscht ist. Wir müssen auf diesem Feld meiner Ansicht nach noch stärker als bisher aufklären. Gleiches gilt für die Möglichkeiten der guten Erfolge der Palliativmedizin. In der Antragsbegründung heißt es daher auch: Mit den Fortschritten in der heutigen Medizin muss aber niemand mehr an unerträglichen Schmerzen leiden. Eine umfassende palliative Versorgung ermöglicht ein schmerzfreies Leben bis zu dessen natürlichem Ende.

EfL: In Deutschland sterben jährlich ca. 10.000 Menschen durch Suizid – mehr als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten und illegale Drogen zusammen. Von jedem Suizid sind laut WHO im Schnitt 6 bis 23 Menschen betroffen. Welches Signal geht von einem Gesetzesvorhaben aus, die eine Hilfe zur Selbsttötung zumindest toleriert?

Marlene Mortler: Ein Suizid ist immer ein Akt der Verzweiflung. Ein Verzweifelter braucht intensive Zuwendung, um zu erfahren, dass auch sein Leben nicht sinnlos ist. Hierin sehe ich die größte Herausforderung in einer zusehends individualisierten Gesellschaft – unabhängig von der aktuellen Debatte.

EfL: Was erhoffen Sie sich von der politischen Debatte im Bundestag?

Marlene Mortler: Meiner Ansicht nach ist die politische Debatte gerade vor dem Hintergrund unserer Geschichte, aber auch vor dem Hintergrund des demographischen Wandels, der unser Land erfasst, enorm wichtig. Auch wenn wir noch keine abschließende parlamentarische Entscheidung getroffen haben, bin ich schon jetzt für die Diskussion dankbar, die sich angesichts der verschiedenen Anträge entwickelt hat. Denn: Die Debatte holt das Thema aus der Tabuzone, sensibilisiert für potenzielle Gefahren und trägt zur Aufklärung über bestehende Möglichkeiten der Palliativmedizin bei, die wir zwingend weiter ausbauen müssen. Es ist für uns Parlamentarier über alle Fraktionen hinweg eine sehr bewegende Debatte, geht sie doch um die Unantastbarkeit der Würde des Menschen – um Leben und Tod.

EfL: Herzlichen Dank für das Interview!

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