»Pille danach« und Abtreibung

(al) Steigt möglicherweise die Zahl der Abtreibungen infolge der Rezeptfreiheit bei der »Pille danach«? Seit März 2015 bekommen Frauen die »Pille danach« gegen den ausdrücklichen Rat der Frauenärzteschaft ohne Rezept (die Freigabe war rein politisch motiviert). Seitdem ist der Verkauf des Präparates um 58 Prozent gestiegen. Den jüngsten Zahlen der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) zufolge wurden zuletzt knapp 60.000 Packungen pro Monat verkauft.

Im Februar dieses Jahres verkauften die Apotheken knapp 37.330 Packungen. Nach der Befreiung des Verhütungsmittels von der Rezeptpflicht Mitte März stieg die Zahl in diesem Monat sprunghaft auf 49.298 verkaufte Packungen, im Mai waren es 60.152. Im Juni sank die Zahl wieder leicht auf 59.031.

In Großbritannien ist die »Pille danach« schon seit dem Jahr 2001 rezeptfrei erhältlich. Dort wurde in den Jahren nach der Befreiung von der Rezeptpflicht ein deutlicher Anstieg der Abtreibungszahlen verzeichnet – obwohl sich die Verantwortlichen von dem Verzicht auf die Rezeptpflicht sinkende Abtreibungszahlen erhofft hatten. Laut einer Studie des British Medical Journal sagten 1996 sechs Prozent aller Frauen, die wegen einer Abtreibung eine Klinik aufsuchten, dass sie schon einmal die »Pille danach« benutzt hätten. Im Jahre 2002 waren es schon zwölf Prozent. Parallel stieg die Zahl der Abtreibungen von 1,1 Prozent der Frauen zwischen 15 und 44 auf 1,78 Prozent.

Möglicherweise hängt der jüngste Anstieg der deutschen Abtreibungszahlen im 3. Quartal 2015 mit dem dramatisch gestiegenen Verkauf der »Pille danach« zusammen. Die umfassende Beratung, die nötig wäre, können die Apotheken kaum leisten; noch weniger können sie den Käuferinnen mit der persönlichen Kenntnis und der Autorität eines Arztes gegenübertreten, der die Ausstellung des Rezeptes auch verweigern kann. Die Gefahr des falschen Gebrauchs der »Pille danach« ist entsprechend hoch. Entsprechend hoch ist demnach auch die Gefahr, trotz ihrer Einnahme ungewollt schwanger zu werden.

Hinzu kommt, dass in dem Wissen, die »Pille danach« kaufen zu können, andere Verhütungsmethoden unter Druck geraten dürften.Je mehr medizinische Mittel ganz allgemein für ungewollte Folgen oder Nebenfolgen sexueller Betätigung zur Verfügung stehen, desto sorgloser offenbar das Verhalten, was auch an dem Anstieg der Geschlechtskrankheiten zu erkennen ist – trotz jahrzehntelanger, teuer staatlicher Aufklärungskampagnen.

Das »Risiko« schwanger zu werden, kann wegen des Gefühls einer in vielen Fällen sich als trügerisch erweisenden Sicherheit also zusätzlich steigen. Genaueren Aufschluss über die Zusammenhänge in Deutschland können zwar erst spätere Studien bringen; der allgemeine Kausalzusammenhang aber dürfte folgender sein: Bevor sich in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts in Großbritannienn die schulische Sexualerziehung auszubreiten begann, gab es unter den 16-Jährigen jährlich nur einige hundert Schwangerschaften. In den 90er Jahren stieg die Zahl dieser Schwangerschaften auf fast 9.000 – die höchste Zahl in Europa –, nicht obwohl, sondern weil Sexualerziehung und Empfängnisverhütung großzügig angeboten wurden.

Dr. Judith Bury von den kanadischen Brook Advisory Centres (Brook-Beratungszentren, gegr. 1964) stellte frühzeitig fest: »Es gibt einen überwältigenden Beweis, daß im Gegensatz zu dem, was man erwarten möchte, die Verfügbarkeit empfängnisverhütender Mittel zu einem Anstieg der Abtreibungsrate führt.« (Nachzulesen hier in der Broschüre von Carol Everett und Valerie Riches: Die Drahtzieher hinter der Schulsexualerziehung, Abtsteinach 2002, S. 9 f.)

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