Abtreibungskrieg und Sterbehilfestreit

Das Lebensrecht zu Beginn des neuen Jahres. Ein Überblick

von Andreas Lombard

160106 Drillinge

Welches von diesen Drillingen hätte man wohl abtreiben sollen, wenn die Mutter Leihmutter gewesen wäre und die Auftraggeber eine „Mehrlingsreduktion“ verlangt hätten …? Ein solcher Fall ereignet sich gerade in Kalifornien. Foto: flickr.com/Karsten Selferlin

Während in den USA ein regelrechter Abtreibungskrieg tobt, vergessen die deutschen Medien, die sich so gern über Abtreibungsgegner echauffieren, dass massenhafte Abtreibung für sich genommen bereits nichts anders als Krieg ist. Spätestens dann, wenn es wie beim Tarabella-Bericht des EU-Parlaments um ein »Menschenrecht« auf Abtreibung geht.

Aber wenden wir uns einem besonders dramatischen Fall zu, der in der allgemeinen Aufregung nahezu untergeht. Eine kalifornische Leihmutter namens Britneyrose ist mit Drillingen schwanger, und nun fordern die genetischen Eltern, die Auftraggeber, von ihr, eines dieser Kinder abzutreiben – und das, obwohl die Leihmutter das dritte Kind adoptieren würde und darüber hinaus keine Anzeichen auf eine Gefährdung der übrigen Kinder oder auf sonst irgendwelche gesundheitlichen Probleme zu erkennen sind. Britneyrose kann zum Glück nicht zur Abtreibung gezwungen werden, aber die Wunscheltern können natürlich die Zahlungen verweigern und in einen Rechtsstreit eintreten. Zur Zeit des Berichts war die Lehnmutter in der 18. Schwangerschaftswoche. Abtreibungen sind in Kalifornien bis zur 26. SSW möglich …

Wie der Fall auch immer ausgehen mag – der »Abtreibungskrieg« wird weitergehen. Nicht nur in den USA, sondern auch in Europa, wo Erzbischof Jozef de Kesel, der neue Primas der belgischen Katholiken, sehr viel Unmut auf sich zog, als er kurz nach Weihnachten darauf beharrte, dass katholische Krankenhäuser Abtreibungen und Sterbehilfe verweigern dürften. Die flämische Nationaldemokratin und Abgeordnete im belgischen Bundesparlament Valerie Van Peel glaubte, Erzbischof de Kesel einen »ernsten Denkfehler« vorwerfen zu müssen: »Einen individuellen Arzt kann man nicht dazu verpflichten, Sterbehilfe zu geben, doch jede Einrichtung muss Patienten, die dafür in Frage kommen, eine Möglichkeit dazu bieten.«

Juristisch mag das stimmen, denn tatsächlich muss sich demnächst die Leitung eines katholischen Seniorenheims im belgischen Diest vor Gericht verantworten, weil sie dem Arzt einer Bewohnerin den Zugang zum Heim verwehrt hatte, der bei seiner Patientin Sterbehilfe leisten wollte. Das nötige Verfahren hatte die Patientin korrekt durchlaufen. Sie war schließlich zuhause gestorben. Daraufhin verklagten ihre Angehörigen das Heim, weil es der alten Frau zusätzlich Stress und Schmerzen verursacht habe. Der Anwalt der Familie erklärte, Ärzte dürften Gewissensnöte geltend machen, ein Heim nicht. Man erwartet ein Grundsatzurteil.

Dass der Druck auf das Lebensrecht steigt, ist auch daran zu erkennen, dass ein älteres Ehepaar aus Gießen jüngst auf das Recht geklagt hat, eine tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital zu beziehen, um seinem Leben auch ohne schwere Erkrankung ein Ende zu bereiten. Das Kölner Verwaltungsgericht lehnte die Klage ab und erklärte, weder aus den Grundrechten noch aus der Europäischen Menschenrechtskonvention ergebe sich ein Recht auf eine Erlaubnis zum Erwerb einer tödlichen Substanz. Ob das nächste Verfahren noch genauso ausgehen wird?

Leichter wird es jedenfalls nicht, solche Positionen zu verteidigen. Nach einer Umfrage der Ruhr-Universität Bochum und der Medizinischen Hochschule Hannover kann sich bereits mehr als ein Drittel (38 Prozent) der Befragten vorstellen, das eigene Leben unter bestimmten Bedingungen zu beenden, vor allem bei schweren körperlichen Leiden (73 Prozent) und beim Verlust der geistigen Fähigkeiten (54 Prozent). Befragt wurden rund 1600 Menschen im Alter von 18 bis 79 Jahren befragt wurden. Daraus wurde geschlossen, dass eine palliative Versorgung allein nicht ausreiche. Es müsse einen »Handlungsspielraum« geben, um die wenigen Patienten zu unterstützen, die ihr Leben beenden wollten. Das Gesetz zum Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe könne die »Begleitung« todkranker Menschen erschweren, kritisierten die Forscher. Wir halten fest: Es geht um »Spielräume« für mehr »Begleitung«.

Während es die Spatzen von den Dächern pfeifen, dass die Tendenz zu einer weiteren Liberalisierung der Sterbehilfe geht, glaubt der Präsident der Bundesärztekammer Frank Ulrich Montgomery, dass sich durch das neue Sterbehilfe-Gesetz »an dem bisherigen Umgang der Ärzte mit dem Thema Sterbehilfe in der Praxis nichts ändern« werde. Wenn er aber dabei zugleich die Debatte als solche begrüßt und glaubt, dass sie vielen Menschen helfe, »klare Beschlüsse für die eigene Situation zu treffen«, dann wissen wir, welcher Geist hinter diesen Worten steht. Auch die Bundesärztekammer arrangiert sich offenbar trotz ihres früheren Widerstands gegen die Sterbehilfe mit deren wachsender Attraktivität.

Das hierüber berichtende Domradio spricht davon, dass das vom Bundestag verabschiedete Gesetz, »Gewissensentscheidungen von Ärzten und Angehörigen im Einzelfall nicht sanktionieren« wolle. Das ist streng genommen nicht falsch, zeigt aber, wie schnell sich im Namen der Autonomie die Gewichte vom Patienten zu seinem sozialen Umfeld verschieben, dem man nichts als selbstlose Interessen und Motive konzediert. Auch der Hinweis des Domradios, dass die Musterberufsordnung der Bundesärztekammer Hilfe zur Selbsttötung untersage, zeigt, dass tendenziös berichtet wird.

Es fehlt nämlich der Hinweis, dass die maßgeblichen Berufsordnungen nicht von der Bundesärztekammer, sondern von den Landesärztekammern ausgegeben werden (so wollten es die Siegermächte nach 1945) und dass zwei dieser Landesärztekammern, nämlich Bayern und Baden-Württemberg, das Tötungsverbot schon 2012 sang- und klanglos aus ihren Musterberufsordnungen gestrichen haben. Man sieht eben nicht, was man nicht weiß oder nicht sehen will …

Die kollektive Amnesie könnte sich zum größten Hilfsmittel im Kampf gegen das Lebensrecht zu mausern. Kann man die Menschen vergessen machen, dass sie am Leben hängen? Es scheint so.

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