Oganisierte Schuld

Niederlande erwägen Abgabe von Todespillen

Während in Deutschland der private Bezug von Natrium-Pentobarbital (noch) verboten bleibt, gehen die Niederlande schon wieder einen Schritt weiter. Wie Spiegel online heute meldet, planen die Niederlande bereits, den freien Bezug von Tötungsmitteln für Sterbewillige zu erlauben. Sie könnten dann zuhause und ohne weitere Hilfe Suizid begehen. Sie müssten sich nicht mehr − wie bisher − das Mittel auf Umwegen aus dem Ausland beschaffen. Oder um Erlaubnis bitten. Oder mit irgendjemandem über ihr Vorhaben sprechen (auch Hobbymördern würden sich ganz neue Chancen öffnen …!).

Nein, lustig ist das wirklich nicht. Für jeden Sterbehilfegegner, der sich in den letzten Jahren immer wieder anhören musste, dass es die schiefe Ebene nicht gebe, dass keine Anzeichen für Missbrauch vorlägen (auch S.P.O.N. käut diese Lüge jetzt eilfertig wieder), dass keine Eskalation drohe und dass man für ein geordnetes Verfahren und strenge Einzelfallprüfungen sorgen werde …, wer all das kennt, für den ist nicht einmal die Verschärfung als solche niederschmetternd, sondern nur das Tempo, in dem sie vollzogen wird.

Der einzige Vorbehalt lautet gemäß Spiegel online jetzt noch: »Wie genau die Abgabe der ›Letzter-Wille-Pillen‹ funktionieren könnte, ist noch offen. Denkbar wäre laut Schurink zum Beispiel, dass sie zukünftig unter strengen Vorgaben von speziellen Institutionen ausgegeben werden. Ärzte wären dafür nicht zwangsläufig nötig.«

»Spezielle Institutionen« brauchen eine bedürftige Klientel. Sie werden naturgemäß ein Interesse daran haben, die Todespille möglichst oft abzugeben. In Deutschland steht einer solchen Entwicklung bislang das Betäubungsmittelgesetz im Wege, aber auch daran wird längst gesägt. Wozu eigentlch noch die Waffengesetze verschärfen? Eine Todespille ist in vielerlei Hinsicht jedem Schießeisen überlegen.

Im Unterschied zur Atreibung wird nicht einmal formal die soziale Indikation nötig sein, die dort in 97 Prozent aller Fälle bemüht wird; der subjektive Wille wird vollkommen ausreichen, um das Mittel beziehen zu dürfen. Gleichzeitig wird − zu Recht – jeder einzelne im Mittelmeer ertrunkene Flüchtling betrauert. Von den finaziellen Aufwendungen, die einem Flüchtling nach geglückter Ankunft in Deutschland zugute kommen, kann eine schwangere Deutsche nur träumen.

Erstaunlich ist nicht, dass es solche Schieflagen gibt, denn es wird sie immer geben. Erstaunlich ist die immer weiter wuchernde Gleichgültigkeit gegenüber Leben und Zukunft der autochthonen Europäer, gegenüber neuerdings wieder steigenden Abtreibungszahlen, gegenüber gesunden alten Menschen, die von heute und morgen aus dem Leben scheiden und Angehörige traumatisiert zurücklassen, die dann den Wunsch der Toten auch noch zu respektieren haben. Gegen all das soll nichts mehr gesagt werden dürfen?

Diese organisierte Fühllosigkeit, eine neue Form der organisierten Schuld, die eben nicht mit gleichem Maß, sondern mit zweierlei Maß misst, die Menschenleben zweier Klassen kennt und auch so zu behandeln versteht, dieser humanitätsduselige, in Wahrheit brutale biopolitische Zynismus lässt für die Zukunft leider nichts Gutes ahnen.

Auch dann, wenn wir die Hoffnung auf Einsicht und Besserung niemals aufgeben dürfen.

 

 

 

Teilen: facebooktwittergoogle_plus