Mensch oder Maschine

Abtreibung und Sterbehilfe liegt dasselbe mechanistische Menschenbild zugrunde.  Angriffe auf den Lebensschutz bereiten den totalitären Staat vor. Erinnerung an einen Vortrag von Romano Guardini

160515 embryo klein(al) In seinem Vortrag Das Recht des werdenden Menschenlebens hat Romano Guardini bereits 1947 die Gefahr für den ganzen Menschen markiert, die von der sog. Fristenlösung ausgeht. Da Menschsein beginnt mit der Vereinigung der elterlichen Zellen, es »gipfelt in der morphologischen Vollendung« und reicht bis zum Tod. Der Mensch ist Mensch bereits im Augenblick der Empfängnis und bis zu seinem Tod: »Anders zu denken ist konsequenterweise nicht möglich«, so Romano Guardini. Warum nicht? Weil der Mensch keine Maschine ist, keine »äußerliche Aneinanderfügung«. In der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle ist bereits alles enthalten, alles Folgende ist nicht Hinzufügung (außer Wasser und Nahrung), sondern Entfaltung und Entwicklung. Wer aber den Wert des Menschen aus seiner Masse oder aus der Menge seiner realisierten Formelemente ableitet, »wird im Embryo um so weniger den Menschen erblicken, je geringer die Größe und je weniger differenziert die Organisation des betreffenden Entwicklungsstadiums sind. Eben damit wird er immer weniger Hemmungen empfinden, in dessen Leben einzugreifen.«

Damit wird gesagt, »das Menschsein sei kein wesentlicher Charakter, sondern etwas, was in höherem oder geringerem Grad gegeben ist, und zwar in dem Maße, als die betreffende Entwicklungsstufe  sich dem Optimum, dem höchsten Stande des Formenreichtums und der Lebensenergie nähere. Eine Abstufung tritt aber nicht nur in der bisher allein betrachteten embryonalen Entwicklung, sondern auch an anderen Stellen des Lebenszusammenhangs ein. Die Entfernung vom Optimum kann nach rückwärts hin, auf den Anfang zu gesehen werden, und dann heißt die Folgerung: je früher das Stadium der embryonalen Entwicklung liegt, desto weniger ist das Gebilde schon Mensch. Sie kann aber auch nach vorn hin gesehen werden, auf das Ende zu, und dann heißt die Folgerung: je später das Stadium der selbständigen Entwicklung nach erreichtem Höhepunkt liegt, je älter im spezifischen Sinn das Individuum wird, desto weniger ist es noch Mensch. Ja die ›Entfernung‹ vom Optimum kann auch durch alle jene Beeinträchtigungen eintreten, die Krankheit, Schwäche und Unglück heißen, und dann lautet die Folgerung: je kränker oder schwächer oder behinderter ein Individuum ist, desto weniger kann es auf den Charakter eigentlichen Menschseins Anspruch machen.«

In Wahrheit  gehören alle Stufen des Menschseins zusammen, auch Alter, Krankheit und Tod gehören zum Ganzen des Menschseins dazu: »Und die tapfer getragene Krankheit, die Leistungsunfähigkeit, aus welcher Güte, Weisheit und Reife hervorgehen, sind viel ›lebenswerter‹ als eine Gesundheit, die brutal macht, und eine Tüchtigkeit, welche das Dasein nach außen wirft.«

Je mehr uns die aktuelle Propaganda weismachen will, dass das Menschsein physisch, materiell, hedonistisch optimiert werden könne und müsse, dass es verfehlt werde, wenn diese Optimierung ausbleibe, desto energischer erinnern Guardinis Worte daran, dass der Mensch seine Würde nicht aus irgendwelchen zufälligen Qualitäten seines Lebens, sondern aus seiner irreduziblen Personalität bezieht: »Person ist die Fähigkeit zum Selbstbesitz und zur Selbstverantwortung; zum Leben in der Wahrheit und in der sittlichen Ordnung. Sie ist nicht psychologischer, sondern existentieller Natur. Grundsätzlich hängt sie weder am Alter, noch am körperlich-seelischen Zustand, noch an der Begabung, sondern an der geistigen Seele, die in jedem Menschen ist.«

Wir die Würde des Menschen, die ihm aus seiner Personalität zukommt, in Frage gestellt, »dann gleitet alles in die Barbarei. Welche Bedrohungen aber für Leben und Seele des Menschen erwachsen können, wenn er ohne den Schutz jener Achtung dem modernen Staat und seinen Techniken ausgeliefert wird, ist noch gar nicht zu ermessen.«

Als Guardini das schrieb, war die künstliche Reproduktion noch viel weiter entfernt als die Möglichkeit eines organisierten Verlangens nach Sterbehilfe. Was erst die künstliche Reproduktion und das damit einhergehende materialistische Menschenbild für die Entwürdigung des Menschen bedeuten wird, ist ebenfalls noch gar nicht zu ermessen: »Jede Antastung der Person, vollends wenn sie unter Billigung durch das Gesetz geschieht, bereitet den totalitären Staat vor, und es spricht weder für die Klarheit des Denkens noch für die Wachheit des Gewissens, diesen abzulehnen und jenes zu bejahen.«

Beitragsbild: flickr.com/lunar caustic, Embryo in der 9. bis 10. SSW.

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